Sophie von La Roches Kupfererklärung "Sitten der schönen Pariser Welt"


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Förderer des Freundkreises,
Frau Dr. Erdmut Jost konnte einen bisher wenig beachteten Text Sophie La Roches aus dem "Journal einer Reise durch Frankreich" nicht nur eindeutig zuordnen, sondern ihn auch mit bisher nicht zuordenbaren Kupferstichen zusammenbringen. Daraus resultiert nun ein einmaliges Buchprojekt, zu dem Sie unten nähere Informationen finden.
Nachfolgend ein Auszug aus Ihrem Exposé und ihrer Erläuterung zur "Kupfererklärung".

Buchprojekt: Sophie von La Roches Kupfererklärung "Sitten der schönen Pariser Welt".
Gemeinsames Projekt von Dr. Erdmut Jost, Konstanze Baron M.A. (beide IZEA) und Dr. Bernardine Heller-Greenman, Florida International University, Miami
1787 publiziert Sophie von La Roche im Anhang der Reisebeschreibung Journal einer Reise durch Frankreich ihre erste und einzige Kupfersticherklärung, betitelt "Sitten der schönen Pariser Welt". Die abgelegene Placierung des ca. sieben Druckseiten umfassenden Textes im Buch, vor allem aber das Fehlen entsprechender Abbildungen sind als ursächlich dafür anzusehen, dass die Forschung ihn bislang nicht bemerkt hat. Durch einen glücklichen Zufall gelang es, die zugehörige Kupferstichsammlung zu identifizieren: Es handelt sich um das klassische Werk der Stichkunst des ancien régime: die Suite d’Estampes pour servir à l’Histoire des Mœurs et du Costume des François dans le dix-huitième Siècle (Kupferstichfolge zur Darstellung der Geschichte französischer Sitten und Moden im 18. Jahrhundert), deren erste beide Folgen 1774 und 1775 erschienen. Herausgeber – und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Verfasser des begleitenden Textes – war der in Straßburg geborene Pariser Kunsthändler, Bankier und Verleger Johann Heinrich Eberts (1726-1793).
Die zwölf Stiche der ersten Folge besorgte der Schweizer Kupferstecher Sigmund Freudenberger (1745-1801), die zwölf Stiche der zweiten stammen von einem der Großen der Zunft, Jean-Michel Moreau (1741-1814), genannt Moreau le Jeune.
Das geplante Buch soll im Mitteldeutschen Verlag erscheinen und gliedert sich in Abbildungs- und Analyseteil. Der Abbildungsteil führt Texte und Bilder (allererst) zusammen; die Stiche in der Seitenmitte werden gerahmt von der Erklärung La Roches links und dem Originaltext in der Übersetzung Dr. Erdmut Josts rechts. Der Analyseteil besteht aus drei Aufsätzen. Zunächst beleuchtet Dr. Erdmut Jost die Kupfererklärung Sophie von La Roches als Musterbeispiel für den komplexen Umgang der Aufklärung mit den Medien ‚Text’ und ‚Bild’. Gezeigt werden soll, dass erst die (physische) Abwesenheit des Bildes im Text die Entfaltung einer vielschichtigen Kommunikation zwischen beiden Medien – und zwischen Autorin und Rezipient – ermöglicht. Denn nur ohne die eindeutig ‚galanten’, z. T. erotischen Darstellungen vermag der Text als Teil des Ganzen die ‚Botschaft’ des größeren Werkes abzubilden, in dessen Kontext er publiziert wurde: Ziel des Journals einer Reise durch Frankreich war es nämlich, dem verbreiteten Vorurteil der Unsittlichkeit französischer Frauen entgegenzutreten.
Konstanze Baron M.A. betrachtet im zweiten Aufsatz den bisher von der Forschung vernachlässigten Originaltext der Suite. Ausgehend von der Beobachtung, dass bereits zwischen diesem und den Stichen auf der Bedeutungsebene eine merkliche Inkongruenz besteht – auch hier wird die krasse Erotik vermieden; der Berichtsteil geht mit ausgedehnten Reflexionen zudem weit über die reine Beschreibung hinaus – analysiert sie die Texte der Suite als Beispiele der verbreiteten aufklärerischen Gattung der moralischen Charakterstudie oder -skizze. Im dritten Teil schließlich widmet sich Dr. Bernardine Heller-Greenman, die beste Kennerin der Materie, den beiden Stichfolgen. Dabei kommen, neben der kunsthistorischen Einordnung, auch die Editionsgeschichte, der biographische Hintergrund des Herausgebers und der beiden Künstler sowie das Publikum derartig galanter Werke in den Blick.
Zur Planung des Bandes
Das Buch wird einen Umfang von ca. 128 Seiten haben und soll in einer Auflage von 800 Exemplaren erscheinen. Da es sich an ein breites Publikum richtet – neben der engeren und weiteren Fachöffentlichkeit vor allem an kunstinteressierte Laien – ist eine solide Ausstattung vorgesehen mit Albumformat, festem Einband, farblichem Vorsatzpapier, gutem, festem Papier und Lesebändchen.


Die Kupfererklärung(Text gekürzt nach Dr. E. Jost)
Bei der Kupfererklärung, so benannt nach dem im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff für Kupferstich, Kupfer, handelt es sich um eine besonders in Aufklärung und Klassik populäre Prosagattung, deren Ziel es war, die Inhalte des zu dieser Zeit wichtigsten und verbreitetsten Bildgenres, der Kupferstichfolge, für ein großes Publikum zu erläutern und, fast noch wesentlicher, auszudeuten.
Der berühmteste Vertreter der Kupfererklärung in Deutschland, Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), nennt in der Vorrede zu seinen Kalender-Erklärungen der Stiche des englischen Künstlers William Hogarth (1696-1764) drei zentrale Darstellungsmotive:
Erstens: Die Behebung von Verständnisproblemen, die sich aus dem zeitlichen Abstand des Betrachters zum Stich ergeben.
Zweitens: Solche, die auf die Herkunft des Werkes aus einem anderen Kulturzusammenhang zurückzuführen sind.
Drittens :Schließlich geht es um die Entzifferung der (künstlerischen) Botschaft des Werkes.
Gelingt diese Interpretationsleistung, dann resultiert beim Leser der Kupfererklärung eine gründliche (Er-)Kenntnis der, wie Lichtenberg schreibt, "allgemeinen menschlichen Natur". Damit sind die beiden Hauptcharakteristika des Genres benannt: Didaktik und Anthropologie, also Menschenkenntnis. Erzielt wird letztere in erster Linie über die moralische Ausdeutung der Bildwerke.

Meine Entdeckung von Sophie von La Roches Kupfererklärung "Sitten der schönen Pariser Welt. Auszug aus den treflichen Kupfern, welche das Leben eines angesehenen Frauenzimmers und Herrn schildern, um Fremden eine zuverlässige Folge der sittlichen Auftritte des galanten und reichen Cirkels zu geben" von 1787 stellt eine kleine Sensation dar, und dies in mehrfacher Hinsicht.
Zunächst handelt es sich um die einzige bekannte Kupfererklärung von La Roches Hand, womit sich einmal mehr das sichere Gespür der Autorin für jeweils neue und populäre Textgenres erweist - und das, bevor ein Goethe oder ein Schiller damit an die Öffentlichkeit traten.
Die geplante Publikation leistet nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur La Roche-Forschung, sondern ebenso zur Erforschung des komplexen Verhältnisses von Text und Bild in der Aufklärung.


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Gerd F. Thomae



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